Bericht : Sylvia Den, Bilder: Züsi Widmer
Es ist ein trüber, nasskalter, nebliger Tag. Um 16 Uhr beginnt bereits die Dämmerung und ich muss mich überwinden, noch einmal nach draussen zu gehen um die Lesung im Domicil Mon Bijou zu besuchen.
Im Domicil ist Züsi gerade am Aufbau des Apéros. Anlässlich des letzten(?) von ihr organisierten Kulturangebots, hat sie für uns extra eine feine, luftige Foccacia gebacken. Es nütze nichts, uns das Rezept zu verraten. Eine Foccacia müsse man mindestens zwanzigmal gemacht haben, um das Gefühl für die richtige Konsistenz zu bekommen. Langsam tröpfeln die Pantherinnen herein, alle gut eingepackt in Wintermäntel. Eine Dame erscheint sogar in Rosa. – Der Lesung steht nichts mehr im Weg.
Die Geschichte ist rasch erzählt: Der 10-jährige Oskar liegt mit Leukämie im Spital. Weder Chemotherapie noch Knochenmarkstransplantation haben angeschlagen. Oskar weiss, dass er sterben muss. Und er erlebt, wie die Erwachsenen um ihn in Sprachlosigkeit verfallen. Sie drücken sich davor, mit ihm über seinen bevorstehenden Tod zu sprechen – alle, ausser Oma Rosa. Rosa gehört zu den freiwilligen Mitarbeitenden, die in rosa Kitteln ins Spital kommen und sich um die Patienten kümmern.
Mit Oma Rosa kann Oskar über alle seine Sorgen sprechen. Sie hat den Mut, das Unaussprechbare in Worte zu fassen und mit ihm über seinen bevorstehenden Tod zu sprechen. Sie gibt ihm den Rat, jeden Tag einen Brief an Gott zu schreiben. «Denn Gedanken, die man nicht ausspricht, machen schwer». Oskar findet die Idee nicht besonders toll, aber macht sich ans Schreiben – und wir erfahren aus seinen Briefen, was ihn beschäftigt. Als die Krankheit fortschreitet, gibt Rosa ihm den Rat, sich jeden Tag wie zehn Jahre seines Lebens vorzustellen. Diese Idee nimmt Oskar begeistert auf und durchlebt in zwölf Tagen ein ganzes Leben: Die erste Liebe, Eifersucht, Midlife-Crisis und das Alter – bis er mit 110 Jahren zu müde ist, um noch älter zu werden.
Während der Lesung ist es mucksmäuschenstill im Domicil. Kornelia Lüdorffs gefühlvoller Vortrag nimmt uns völlig in den Bann. Sie hat sich bei dieser Lesung für die Bühnenfassung entschieden. Oma Rosa ist darin nicht – wie in der Urfassung – eine Krankenschwester, sondern eine ehemalige «Catcherin» (Wrestlerin). Dieser Kniff mit Rosa als einer ganz und gar unkonventionellen Figur verleiht der tiefgründigen Geschichte Pep und eine gewisse Leichtigkeit.
Berührt und mit einem warmen Gefühl treten wir den Heimweg an. Herzlichen Dank für diesen stimmigen vorweihnächtlichen Vortrag.
Kornelia Lüdolff wird in der nächsten Spielzeit im Theater an der Effingerstrasse in «Tell» und «Ellen Babić» zu sehen sein.