Bericht von Jeannette König, Fotos von Ursula Hürzeler
Frühlingswetter, Saharastaub in der Luft, sämtliche vorhandenen 40 Stühle im Saal des Domicil Monbijou besetzt. Die Stimmung der Pantherinnen und Panther aufgeräumt. So eröffnet Ursula Hürzeler das zweite Erzählcafé. Der stolze «pensionierte» und passionierte Käser, der sagte, er könne nicht reden, steht auf und erzählt so lebendig, dass wir Zuhörenden gleich mitten in Gondiswil sind – (Oberaargauer Enklave bei Huttwil) – auf dem Bauernhof der Familie Anliker mit den 7 «Buben». Der Hof mit den Ländereien und dem Wald habe viel Arbeit erfordert. Auch für die Kinder. Die «Oberen», so nannte Andreas Anliker seine älteren Brüder – Andreas war der Zweitjüngste – haben die Feldarbeit übernommen. Andreas ist der Mutter zur Hand gegangen.
Der Vater ist mit 65 Jahren, gleich nach der Pensionierung gestorben. Zwei der «Oberen» haben den Hof übernommen, der heute noch von einem Neffen geführt wird.
Familienleben
Uns ging es gut, erzählte Andreas, wir waren zum Beispiel die ersten, die ein Auto hatten, einen VW Käfer, der war so klein, dass bei Sonntagsausflügen jeweils die eine Woche die Hälfte der Kinder mitfahren konnte, die Woche darauf dann die zweite Hälfte. Einmal habe der Vater auch einen kleinen Fernseher nach Hause gebracht. Der Vater war Oberst gewesen, hatte sonst noch wichtige Ämter inne und ist viel abwesend gewesen. Die Kinder bewirtschafteten zusammen mit der Mutter den Bauernhof. Die Mutter hatte dadurch auch reiräume. Aber, vergessen wir nicht, Stimm- und Wahlrecht für Frauen wurden in der Schweiz erst 1971 eingeführt. Die Mutter sei eine Persönlichkeit gewesen, die aber die damaligen patriarchalen Regeln eingehalten habe. Sie durfte zum Beispiel nicht Autofahren, was sie aber nicht daran gehindert habe, das Zvieri mit dem Auto auf das Feld zu bringen.
Für unsere heutigen Ohren Brachiales war auch üblich. Abends wenn der Vater nach Hause kam, gab es Familienaufstellung. Die Mutter musste berichten, wer von den Kindern nicht rechtschaffen gewesen war und Schläge verdiente. Andreas war häufig dran, weil er öfters den jüngsten Bruder, Vaters Liebling, stichelte – auch physisch. Dies sei zwar schlimm gewesen, aber damals normal und sie hätten dies einfach quittiert.
Sonn- und Schattenseiten des Fortschritts
Bald wurde der VW Käfer durch ein grösseres Auto ersetzt und mit herausgenommenen Sitzen für den Transport der Milch in die Käserei eingesetzt. Andreas war vor der Anschaffung des grösseren Autos derjenige gewesen, der die Milch mit dem Karren und dem daran angespannten Hund «Bäri» in die Dorfkäserei gebracht hatte. Den Hügel runter eine Freude und den Hügel rauf schweisstreibend, weil die Schotte zurückgenommen wurde, die nach der Härtung des Käses übriggebliebene Flüssigkeit. Bald konnte auch ein Traktor angeschafft werden. Dies bedeutete Arbeitslosigkeit für den Karrer, der bei Anlikers angestellt war und mit Pferden und Wagen Transporte ausgeführt hatte. Andreas erzählte, wie ihn dies berührt hat, da er den Karrer und sein wertlos Werden damals hautnah miterlebte. Der «Bub» war verantwortlich gewesen, den Karrer mit dem Zvieri zu versorgen, auch später noch, als dieser arbeitslos geworden war.
Die Käserei als sozialer Treffpunkt und Inspiration für die Berufswahl
Die Käserei war der Informations-Hotspot. Dort wurden von den Jungs auch Pläne geschmiedet für den Krieg mit den Dörflern, der ziemlich nahe an der damaligen Realität verlief. Im Schlafzimmer wurde Sprengstoff gebastelt mit legal erworbenem Stoff. AuchBunker wurden errichtet. «Richtige Bunker», wiederholte Andreas. Sein Vater sei als Oberst kein Kriegstreiber gewesen, habe aber nichts gesagt zu ihren Kriegsspielen. Die Mutter habe gehofft, dass nichts passiere. Es sei auch nichts passiert.
Andreas hat im Alter, als er merkte, dass er wohl einen Beruf ergreifen müsse, eine Lehre in der Dorfkäserei begonnen. In der damals grössten Käserei im Kanton Bern. 7-Tage-Woche. Jeden Tag 6 bis 7 Emmentaler. Ein Laib zirka 100 kg. Die Milch sei von den örtlichen Lieferanten gekommen.
Von der Milch zum Käse
Heute, wie damals gelte: «Das A und O der Qualität des Käses sei der Grundstoff: Die Milch». Man hätte schon gewusst, wessen Milch besseren oder weniger guten Käse gegeben habe. Das sei auch heikel gewesen. Die Milch sei auch offiziell überprüft worden. Es sei schon vorgekommen, dass Milch zurückgewiesen worden sei. Früh hatte sich Andreas für die Bakteriologie der Käseherstellung interessiert. Damals habe die Frischmilch noch mehr Bakterien enthalten, als heute. Der Grund sei die Hygiene gewesen. Heute sei die Frischmilch beinahe steril, weil entsprechende Reinigungsmittel eingesetzt würden. Damals, wie heute seien Bakterien für die Verdickung nötig. Zum Beispiel das LAB, oder das Tröpfchen Propynsäure, das für die Löcher im Emmentaler verantwortlich ist. Damals wie auch heute würden diese von Zollikofen (heute agriscop) geliefert. Früher sei die Milch der Lieferanten möglichst nicht vermischt worden. Sie hätten damals in der Dorfkäserei 6 bis 7 einzelne Kessi gehabt. Heute werde sämtliche Milch in grosse Kessel geschüttet und verarbeitet, was eine andere Qualität gebe. Eine grosse Hilfe sei der früh erfolgte Einsatz von Robotern gewesen. Durch die schwere Handarbeit seien auch seine Hüfte in Mitleidenschaft gezogen worden. Gott sei Dank gehe es heute noch mit den Panthern wandernd unterwegs zu sein.
weitere berufliche Entwicklung
Nach der Ausbildung kamen die Wanderjahre als Aushilfe in den verschiedensten Käsereien in den verschiedensten Kantonen. Sehr lehrreiche Jahre für Andreas. Danach bildete er sich weiter zum Meister. Er arbeitete in einem Grossbetrieb, in dem er sich auch die Yoghurtproduktion angeeignet hat. Es kam die Zeit selbständig zu werden. Andreas hat eine Käserei mit Laden übernommen. In Messen, im Limpachtal, die er 10 Jahre geführt hat.
Neuorientierung
Die Entwicklung Richtung Industrialisierung und Grossbetrieb hat auch Andreas getroffen. Er musste die Käserei in Messen aufgeben. Immer bereit, Neues zu entdecken und zu lernen, ist er in den Handel eingestiegen.
Wunderbare Degustations-Stimmung!
Wäre nicht draussen im Garten eine Käse-Degustation mit Brot und einem Gläschen Wein bereitgestanden, Andreas Geschichte wäre noch weiter gegangen…
Andreas hatte neben verschiedenen Emmentalern auch Greyerzer – heute sein Lieblingskäse – und Sbrinz mitgebracht.
Rege wurde ausgetauscht und diskutiert. Zum Beispiel über quadratischen Emmentaler aus den USA (Die Marke Emmentaler ist nicht geschützt) über die neuen veganen Trends, aber auch über die steigende Nachfrage nach Käse, die wieder in kleineren Käsereien hergestellt werden, wie zum Beispiel der Bergkäse.
DANK
Danke Andreas. Danke allen Teilnehmenden für den regen Austausch. Danke auch all jenen, die uns mit Handreichungen unterstützt haben.
Käsebaron ist Andreas nicht geworden, aber ein stolzer Käsemeister, den er auch werden wollte und geblieben ist.