Bericht: Züsi Widmer

Fotos: Züsi Widmer

Weisch no? Wie ich den Frühling erlebte

Vor mehr als 50 Jahren arbeitete ich im Labor des Kinderspitals längere Zeit mit radioaktiven Substanzen, vor einer Bleimauer, mit einem Bleimantel geschützt vor der radioaktiven Strahlung. Eine grosse, je nachdem tödliche Gefahr, die weder gesehen, gehört, gerochen werden kann. Noch juckt oder beisst oder brennt sie. Hinterlistig ist sie, heimtückisch, klandestin. Eine unheimliche Präsenz. So empfinde ich auch das Virus Covid-19 oder Corona. Eine unsichtbare, unberechenbare Gefahr, die „da per tutto“ lauert, wie die Italiener sagen.

Dank dem fast zu schönen Wetter – es ist ja noch April! – verdüstern uns nicht zusätzlich noch graue, nasskalte Tage das Gemüt. Es lockt nach Draussen: „die linden Lüfte sind erwacht“ und ziehen uns ins Freie. Aber „wir haben ein Gesetz“ und bleiben in „Gartalusien oder Balkonien“.

Vorbei sind im Moment „die schönen Tage von Aranjuez“ mit den Enkeln: Verhallt ist ihr Lachen, ihre Witzchen und Fragen, ihre Schnippchen und die Freude an kleinen Dingen. Mir fehlen die vergnüglichen Mittagessen, die kleinen (fingierten) Wettrennen von der Schule zu mir, sie mit Trottinett, ich mit dem Velo. Das überbordende Erzählen, die Kommentare, die Fantasien und Fragen: „Züsi, was isch eigentlech der Brexit?“ fragt der 8 jährige Juri. Warum het’s dä Winter kei Schnee gha“, „Wenn isch me würklech alt?“ „Wie heisst d‘s Ross mit de Flügel?“ Gö mer wieder einisch it’s Kommunikations-Museum?“ „Und zum Barry“, bettelt der 5 jährige Valentin. „U ga ne Steibock luege“.
Oder Wolf (9 jährig) baut mit Tütscheli eine Märmelibahn, die reicht von Russland nach China. Wie heisst die Grenzstadt? Wir nehmen meinen alten Atlas zur Hand….. ist‘s Wladiwostock oder Blagoweschtschensk? Egal, die Marmel müssen um eine Ecke ohne runter zu fallen.

Mir fehlt das miteinander kochen.
Mir fehlen die fantasievollen Rezeptvorschläge von Valentin.
Die vielen Fragen und immer wieder „Warum“. Etwas sehr Spannendes, weil wir vom 100sten ins 1‘000ste schlittern.
Die Ausflüge in die Glasi, ins Amphitheater, ins Instrumentenmuseum, auf die Marbachegg zum Cousin in den Ferien, zu den Dinos im Museum, in die Schaukäserei im Emmental…..
Das gemeinsame Erleben von Filmchen und Geschichten aus den Büchern.
Valentins „Jonglieren“ mit den Zahlen, die ihn masslos faszinieren.  Die Hilfe im Garten, die Ehrlichkeit und Unkompliziertheit im Alltag. Und die unendliche, frische Begeisterung für irgendetwas, das wir unternehmen. Oder die offene, ehrliche Enttäuschung, wenn’s „in die Hose geht“. Das alles fehlt mir und noch vieles mehr! Hoffentlich nicht mehr zu lange.

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