Bericht: Daniela Tognali

Fotos: Züsi Widmer, Ursula Hürzeler

Sozialer Rundgang in Bern mit «Surprise»

Wahrscheinlich kennt Ihr sie auch, die Frauen und Männer, die in der Stadt Bern die Zeitschrift „Surpise“ verkaufen. Sechs Franken kostet ein Exemplar, einen Franken davon dürfen die VerkäuferINNEN behalten. Der Verein unterstützt Menschen mit Problemen – zwei dieser Schicksale lernen wir auf unserem Rundgang kennen. André Hebeisen (51) und Michel Jäggi (48) erzählen abwechslungsweise, wie sie zu Süchtigen wurden und wie sie sich aus dem Alkoholismus und der Drogenabhändigkeit befreien konnten. Dazu braucht es Wille, Stabiltät, Kontrolle und eine Tagestruktur. Die beiden Männer führen uns zu den Orten, die von Süchtigen frequentiert wurden.
Wir beginnen auf der Kleinen Schanze. 1988 war dort die offene Szene mit 500 Süchtigen und Dealern. Die Polizei war überfordert. Die verordnete Repression verfehlte ihr Ziel. Die Szene wechselte in den Kocherpark, wo sie bis 1992 blieb.

André areitete jahrelang als Disponent in einer grossen Baufirma. Er wurde zum Abteilungsleiter befördert, was mehr Verantwortung und Druck verursachte. Er glaubte, diesen Stress mit Alkohol abbauen zu können, was natürlich nicht gelang. 2010 fiel er in ein Burnout. Der Alkohol wurde dominant, und André verlor seinen Job. Nach 4 Jahren Klinikaufenthalte, Integrationsgrammme und wieder Alkoholabstürze drohte ihm 2014 in einem betreuten Wohnheim der Rausschmiss. Er realisierte, was das für ihn bedeuten würde. Seiher ist er clean und versucht, wieder in den 1. Arbeitsmarkt aufzusreigen. d.h. finanziell ganz unabhängig zu sein. Seit er vom Alkohol los kam, ist er wieder im Alltag integriert.

Michel gehörte schon in jungen Jahren zur „Platzspitz-Jugend“, die von 1987-91 dauerte, für ihn eine Flucht ins Abenteuer. Bald aber verlor er sowohl die Kontrolle über sich und die Sucht, wie auch seinen Job bei den SBB. Schon anfangs Zwanzig versuchte er seinen ersten Heroinentzug, jedoch mit Rückfall und geriet in die äusserst brutale „Letten-Drogenszene“ (1991-95). Waffen waren an der Tagesordnung, die Mafia hatte die Finger im Spiel. Bis zu 1000 Personen hielten sich dort täglich auf. Michel verkaufte Wertsachen, um harte Drogen zu dealen. In dieser Zeit wohnte er immer noch bei den Eltern. Die Mutter versuchte, ihm helfend beizustehen. Dank einer Wohngemeinschhaft und der kontrollierten Heroinabgabe (KODA) fand er wieder zurück ins Leben.

Unser nächster Ort ist die Heiliggeistkirche. Dort trafen sich die Süchtigen ausserhalb der Kirche auf der HG. Die Polizei versuchte sie zu vertreiben. 1999 wurde sie zur „offenen Kirche“, die durch Freiwillige mittags Suppe und Kaffee verteilte und einmal täglich Beratungen anbot.
Wir steigen hinauf zum Bahnhofparking, wo heute ein unauffälliger Container das ehemalige Alkstübli der Postgasse ersetzt. Weiter geht’s zur Schützenmatte. Dort hielt sich eine (kleine) Dealerszene auf. 2001 wurde die Anlaufstelle vor der Lorrainebrücke eröffnet, wo geschützt gedealt und konsumiert werden kann. Im Kanton Bern werden heute ca. 2500 Spritzen täglich im Spritzentausch abgegeben.
Wir wechseln in die Lorraine und ins Breitfeld zum Lebenmittelladen „Lola“, wo ex-Süchtige angestellt und integriert werden. Weiter geht’s zum „Restaurant 44“ im Wyler, ein Ort zum verweilen ohne konsumieren zu müssen. In der Küche oder im Garten kann mitgeholfen werden. „Obdach Bern“ ist die Dachorganisation und hilft bei der Wohnungssuche. Betreute WGs sind im Bezug auf die Tagestruktur wie der Gemeinschaft gute Lösungen.

Den Rest des Abends verbringen wir im Restaurant der Reithalle „Sous le Pont“, wo wir ausgezeichnete Pasta resp. Pizza geniessen.
Der Rundgang vermittelte einen detailierten Einblick in das Leben der Süchtigen. Die Szene verfolgten wir bis anhin von weitem, ohne allzu viele Details darüber wissen zu wollen.

Vielen Dank an André und Michel für ihre Ehrlichkeit und Offenheit. Danke auch an Züsi für die tolle Idee dieses Anlasses.

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