Bericht:
Trudi Kummer

Fotos:
Yolande Burnod

Lukas Niederberger: Der Füfer u ds Weggli – vom Entscheiden

Mit dem Mikrophon in der Hand schaut Lukas Niederberger freundlich in die grosse Zuhörerschaft. „Wenn Sie meinen Vortrag gehört haben, erspart dies Ihnen 25 Franken für mein Buch Lieber beides. Wie man gute Entscheidungen trifft: Ich sage Ihnen jetzt, was drin steht.“

Zuerst lässt er uns an diesem 16. Oktober aber mit unsern Nachbarn austauschen: „Warum bist du da?“ Er fragt uns, was am Entscheiden schwierig sei. Wir kommen auf Risiko, Aengste, Verzicht und jemand sagt, Nichtentscheiden sei auch ein Entscheid. Mit seiner warmen, wohlklingenden Stimme zeigt der Referent uns auf, wie wir oft zwischen dem Wunsch nach Stabilität und dem Bedürfnis nach Veränderung hin- und herpendeln. Für Neues seien wir nicht immer offen, 90% unserer Entscheidungen würden aus dem Leiden am Status Quo (Ist-Zustand) getroffen und nur etwa 10% positiv aktiv. Es sei anzustreben, den kleinen Anteil zu erhöhen (nicht zu warten, bis alles schlimm ist). Er räumt ein, dass wir heute vor komplexere Entscheidungen gestellt werden als unsere Grosseltern, Exit beispielsweise wäre undenkbar gewesen. Mit letzten Dingen wie Testament, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, eigene Todesanzeige hat sich damals wohl kaum jemand befasst. Er als 54-Jähriger habe diese Schriften in seiner Schublade, und wenn er ein schönes Lied höre, trage er es ein in die Anweisungen zu seiner Beerdigung. Der professionelle Ritualbegleiter (Kindersegnung, Heirat, Beerdigung) für eher kirchenferne Menschen geht oft lustvoll mit diesen Themen um, so stellt er auch die Frage:„Was soll dereinst auf meinem Grabstein stehen, was ist mein Lebensziel?“

 

Bauch oder Kopf?

Wie Ruedi Hösli in der Einführung gesagt hat, ist Lukas Niederberger jung in den Jesuitenorden eingetreten, hat das Bildungszentrum Lassalle-Haus geleitet, den Orden später verlassen, leitet die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, lebt mit einer Partnerin zusammen, ist Referent und Buchautor. Schwerwiegende Entscheidungsfindungen hat er durchlebt! Doch auch wir sind Experten, täglich fällen wir an die hunderttausend Entscheide, meist impulsartig, ein Promille bewusst. Hier gebe es zwei Typen: die Maximizer wollen alles bestens haben, sie stellen an eine Wohnung viele Anforderungen, sind Info-Junkies, brauchen Auswahl. Die Satisfizer sind rasch zufrieden. Er selber ist für das richtige Mass. Auch rät er, ehrlich in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen: Auf welcher Ebene ist Handlungsbedarf? Bekannte von ihm bauen ständig ihr Haus um, „renovieren“ jedoch nicht ihre Partnerschaft. Unsere Werte wie Vertrauen, Ehrlichkeit, Vorbilder können wegweisend sein. Tabellenartig wird uns auf der Leinwand das Spannungsfeld zwischen Status Quo und Veränderung sichtbar gemacht: Hemmer wie Unsicherheit, Gewohnheit, Pflichtgefühl bremsen die Veränderung und Treiber wie Leiden, Verliebtheit, Job-Angebot beschleunigen den Wunsch nach Neuem. All diese Faktoren seien wie Stimmen in einem Chor und wir die Dirigenten – eine spielerische Sichtweise! Wie jetzt vorgehen?

 

Tipps für den Alltag

Das Auflisten von Pro und Contra kann helfen, aber es ermüdet. Ignatius von Loyola (16. Jh.) rät: „Tun als ob“, also beispielsweise 4 Tage lang denken: Jawohl, die Wohnung auf dem Land nehme ich! und gedanklich mit den Vor- und Nachteilen leben. Dann sich während 4 Tagen in die Stadtwohnung versetzen, bis man entscheiden kann. Eine andere Hilfe ist „10-10-10“ der Amerikanerin Suzy Welch: Wo will ich in 10 Jahren stehen? Wie fühlt sich das in 10 Tagen an? Wie überstehe ich die 10 Minuten nach der Entscheidung? Der Referent ermuntert uns, gütig mit uns umzugehen – auch bei „falschen“ Entscheiden – und zu bedenken, dass wir lebenslang lernen. Wichtig sei der richtige Zeitpunkt, also nicht in einem psychischen Tief, sondern bei mittlerer Zufriedenheit unsere Veränderungen einzuleiten. Manchmal gebe es nicht entweder – oder, sondern ein kreatives Drittes: „Man kann nicht auf 2 Stühlen sitzen, aber auf 5 Stühlen liegen“…

Wir danken Lukas Niederberger herzlich für seine inspirierenden Denkanstösse und dem Vortragsteam um Bertino Somaini für seine Vorbereitungsarbeit.

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