Bericht: Ursula Torres

Fotos: Züsi Widmer

Das Münster in Bern: Ein Hoch auf den Visionär

Langsam trudeln die Pantherinnen und Panther am vereinbarten Zeitpunkt auf dem Münsterplatz ein. Herr Felix Gerber, seit 15 Jahren Hauptsigrist im Berner Münster, erwartet uns am Gitter (1528) und beginnt mit seinen Ausführungen, denen wir über eine Stunde gebannt zuhören.

Nebst all den Jahrzahlen, gesellschaftlichen, geschichtlichen, kirchlichen und weltlichen Einflüssen, die den Bau des Münsters prägten, hat mich der Architekt Matthäus Ensinger mit seinen Visionen ganz besonders beeindruckt. Deshalb gehe ich nicht auf Jahrzahlen und Baustil des Münsters ein; dies kann alles im Netz nachgelesen werden. Im Jahre 1420 beschloss Der Rat der 200 den Bau des Münsters, und ein Jahr später wurde damit begonnen. Für das Vorhaben wurden 100‘000 Gulden gesprochen (in heutiger Währung ca. 100 Mio. CHF). Matthäus Ensinger wurde als Baumeister aus dem süddeutschen Raum nach Bern geholt mit dem Auftrag, dass die Kirche länger und breiter als in Freiburg und länger als in Lausanne werden sollte. Auch sollte der Baustil etwas Modisches sein (Gotik). Ensinger und seine Nachfolger haben die geforderten Dimensionen zwar erreicht – er hat aber viel mehr daraus gemacht…. Er schuf einen Ort für die Menschen, welche im Leben innerliche Verletzungen (schwere Kindheit, Scheidung) oder Brüche (Verlust eines Freundes oder Partners, Arbeit) erleben. Oft sind es diese Bruchstellen in unserem Leben, die uns innerlich wachsen und neue Fähigkeiten und Kräfte erlangen lassen. Bevor wir auf eine Veränderung eingehen, muss die bisherige Struktur erst aufgebrochen werden. Das bedeutet Umbruch, und erst wer einen solchen im Leben annehmen kann, stellt sich die Frage “wie will und kann ich damit umgehen, wie kann ich die neue Situation gestalten?“ Er erlebt dabei ein inneres Wachstum; es entstehen wichtige Hohlräume (Münster) die es braucht, damit physisches und inneres Wachstum geschehen kann. Wachstum setzt Raum und Platz für alle diese Menschen voraus – auch heute noch.

Matthäus Ensinger war 25 Jahre alt als er das Münster plante und war mit seinen Visionen seiner Zeit weit voraus. Ihm ging es bei dem Bau nicht nur um die Wohnung Gottes, sondern auch darum, der Verletzlichkeit Raum zu geben. Diese ist nur sichtbar, wenn man von innen auf Licht und Schatten schaut, ganz im Sinne von nachstehendem Zitat: On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux (Antoine de Saint-Exupéry). Meiner Meinung nach hat der Baumeister und Visionär Ensinger für die Nachwelt einen wunderbaren Ort zum Staunen, In-Sich-Gehen und Verweilen geschaffen, der nur erlebbar ist, indem man selber hingeht, um das zu erfahren.

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