Bericht:
Jürg E. Bartlome

Foto:
Yolande Burnod

Von der Agilität in die Fragilität

In unserer Vortragsreihe „Übergänge im Alter“ ging es anfangs Jahr um die Gesundheit. Zu Gast war Prof. em Dr. Christoph Hürny

Nicht der Übergang bei der Pensionierung, noch der Übergang in die Demenz oder das Sterben waren Themen, zu denen die Sicht eines Arztes vorgetragen wurde, sondern bewusst der heikle Eintritt ins hohe Alter. Dabei gelang es Christoph Hürny, viel Gelassenheit auszustrahlen. Denn entscheidend sei nicht, WIE ALT man wird, sondern WIE man alt wird.

Geht man von der durchschnittlichen Lebenserwartung von gut 85 Jahren für Frauen und von rund 81 Jahren für Männer aus, so erreichen längst nicht alle die Schwelle, bei welcher die Herausforderung des Übergangs in die Fragilität ansteht und die bei etwa 85 Jahren anzusetzen ist. Der neue Lebensabschnitt ist gekennzeichnet durch Mobilitätsverlust, abnehmende Geschwindigkeit bei allen Tätigkeiten, ja durch Gebrechlichkeit, wofür sich der englische Fachausdruck «frailty» eingebürgert hat.

Was ist zu tun? Der Referent rät, diesen Übergang gelassen und bewusst als eine umgekehrte Adoleszenz anzunehmen und sich bewusst zurückzunehmen. Dazu gehört zuerst einmal das Akzeptieren, dass das Wahrnehmen, das Denken und Fühlen, das sich Bewegen und auch die inneren Vorgänge im Körper langsamer und langsamer werden. Vielleicht hilft es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das nicht nur bei sich selbst, sondern bei den Allermeisten eintrifft. Für Zahlenliebhaber: Im hohen Alter leiden durchschnittlich
– an Schmerzen 50-70%
– an Schwindel 50-60 %
– an Hörproblemen 40-50 %
– an Sehbehinderung 30-40 %
– an Stürzen 25-50 %
– an unwillkürlichen Urinabgängen 25-50 %
– an geistigem Abbau (Demenz) 20-40 %.

Das Problem rührt insbesondere daher, dass unsere Gelenke und Muskeln nun einmal nicht für 100 Jahre gemacht sind. Schon bis ins Alter 80 verlieren wir 20 bis 40 Prozent unserer Muskelkraft, danach geht der Abbau um bis zu vier Prozent im Jahr weiter, bei Bettlägerigen gar noch schneller. Wenn immer möglich sollte man deshalb auch im hohen Alter täglich mindestens zwei Kilometer gehen, auch Treppen steigen. Hürnys Arztrezept: Gesunde Ernährung, Kontaktfreudigkeit, individuell gestaltete Zärtlichkeit und viel Bewegung.

In der Diskussionsrunde zeigte sich, dass trotz den aufgezeigten Beschwerden einer zunehmenden Fragilität die anempfohlene Gelassenheit ein erstaunlich gutes Echo fand. Dem Publikum war dabei wichtig, auch im hohen Alter nicht nur dem Körperlichen, sondern auch dem sozialen Umfeld gebührend Raum zu lassen. Wer dies befolgt, könne hoffen, sich trotz abnehmender Kräfte weiterhin viel Lebensqualität zu bewahren. Denn entscheidend ist ja eben nicht, wie alt man wird, sondern WIE man alt wird.

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